In Situ “GUTACHTEN” In Situ „Gutachten“
Windmühlgasse 9 Windmühlgasse 9

Wien, AT    2026 Wien, AT    2026




Exhibition Poster Ausstellungsplakat

Steht man oben im Eingang, sieht man am Ende der Treppe einen großen, durchsichtigen Sack, gefüllt mit einem nicht genau erkennbaren Material. Geht man die Treppe runter, wird relativ schnell klar, worum es sich handelt: Papierschnipsel, geschredderte Akten, und zwar eine Menge davon.    
Standing at the entrance above, you see at the bottom of the staircase a large transparent bag filled with a material that is not immediately identifiable. As you walk down, it quickly becomes clear what it is: paper fragments, shredded files and a lot of them.    


Exhibition views Ausstellungsansichten
Philipp Pohns Gutachten ist eine raumspezifische Arbeit, die sich aus mehreren Komponenten zusammensetzt. Im Hauptraum befinden sich zwei Haufen aus Schredderschnipseln, die ineinanderfließen – der größere aus geschreddertem Dokumentenmaterial, der kleinere aus den ebenfalls separat geschredderten Ordnerrücken inklusive Metallkomponenten. Die Dimension des Materialgebirges ist beeindruckend. Der Gewölbekeller verstärkt diesen Eindruck. Die Haufen nehmen den Raum so weit ein, dass man geradeso an beiden Seiten vorbeigehen kann.

Aus dem größeren Papierschnipselhaufen schaut der Stiel einer Heugabel heraus. Unter dem kleineren liegt eine Schubkarre begraben, von der nur noch die Henkel zu sehen sind. An der gegenüberliegenden Wand lehnt ein Holzrechen. Die ursprüngliche Funktion dieser Landwerkzeuge, kombiniert mit dem geschredderten Material, erzeugt die Lesbarkeit der Schnipselberge als Heuhaufen. Die Werkzeuge sind sowohl gestalterische Elemente, die in Kombination mit den Heuhaufen ein eigenes, ästhetisches Gleichgewicht schaffen, als auch Arbeitsgeräte, mit denen man einen solchen Haufen bewegen würde.

Vom Hauptraum aus sieht man durch einen Bogen in einen zweiten, völlig dunklen, langen Raum. Am Ende dieser Dunkelheit leuchtet ein Röhrenfernseher. Auf dem Bildschirm läuft eine VHS- Aufnahme: zwei ältere Männer sitzen oberkörperfrei in der Sonne auf einer Bank vor schneebedecktem Alpenpanorama und machen sich ein Bier auf. Sie genießen das Leben. Zwischendrin putzen sie sich die Zähne an einer Trinkwasserquelle und spielen später in einer Bergstube Kniffel. Der Kleidung und des Charakters der Aufnahme nach zu urteilen stammt das Tape aus den Neunzigern. Man versteht nicht wirklich, worüber gesprochen wird, bekommt aber einen Eindruck von einem bestimmten Lebensgefühl.    
Philipp Pohn’s “Gutachten” is a site-specific installation composed of multiple elements. In the main room there are two mounds of shredded material that flow into one another; the larger made of shredded document paper, the smaller made from separately shredded binder spines, including metal components. The scale of this “mountain” of material is striking, intensified by the vaulted cellar. The piles occupy the space so fully that you can only just pass along both sides.

From the larger pile, the handle of a pitchfork protrudes. Beneath the smaller mound a wheelbarrow is buried, with only its handles still visible. A wooden rake leans against the opposite wall. The original function of these farming tools, combined with the shredded matter, makes the mounds legible as haystacks. The tools operate both as formal elements creating their own aesthetic balance with the “hay” and as instruments one would actually use to move such a pile.

From the main room you look through an arch into a second room: long, completely dark. At the far end a CRT television glows. On screen, a VHS recording plays: two older men, shirtless in the sun, sitting on a bench before a snow-covered Alpine panorama with an open beer. They are enjoying life. In between they brush their teeth at a water fountain, and later you see them playing Yahtzee in a mountain lodge. Judging by the clothing and the characters of the footage, the tape is from the 1990s. You don’t really understand what is being said, but you gain a sense of a specific atmosphere and way of life.    



Exhbition views Ausstellungsansichten

Der letzte Schritt zur Erschließung der Arbeit liegt in der Herkunft des Materials. Sowohl die VHS- Kassette als auch die Schredderschnipsel stammen aus demselben Fundus: dem geschäftlichen Nachlass des Vaters des Künstlers. Bei den Schnipseln handelt es sich um vernichtete Akten, die knapp zwei Jahrzehnte Firmengeschichte dokumentierten. Nicht mehr zu lesen, aber in transformiertem Zustand als Masse greifbar. Das Zeugnis einer Karriere in der Immobilienbranche, eines erwirtschafteten Vermögens und eines ökonomischen Vermächtnisses.

Bei der Sichtung des ursprünglichen Dokumentenmaterials tauchten unter anderem VHS-Kassetten auf. Auf diesen fanden sich überraschenderweise private Familienaufnahmen anstatt geschäftlich relevantem Videomaterial. Das ausgewählte Tape zeigt das Landleben in den Salzburger Alpen. Einen größeren Kontrast zur Immobilienwelt kann man sich kaum vorstellen, und doch haben beide Geschichten dieselbe Herkunft.

In der Gesamtschau der Ausstellung zeichnet sich ein geschlossener Kreislauf ab: Das Aktenmaterial wird aufgeteilt in Objekt und Video. Die mit der Geschäftswelt in Verbindung stehenden Schredderschnipsel gewinnen durch die Zugabe der Landwerkzeuge ihre bäuerliche Konnotation. Das damit verbundene Lebensgefühl wird über die VHS-Szenen transportiert, die wiederum aus demselben Fundus stammen wie die geschäftlichen Akten. Zwei Räume, zwei Welten. Im unterliegenden Thema treffen sie wieder aufeinander.    
The final key to accessing the work lies in the material’s origin. Both the VHS cassette and the shredded fragments come from the same source: the artist’s father’s professional estate. The fragments are destroyed files that documented nearly two decades of company history no longer readable, yet tangible as mass in their transformed state. They testify to a career in real estate, accumulated wealth, and an economic legacy.

While reviewing the original documents, VHS tapes surfaced as well. Surprisingly, they contained private family recordings rather than business-relevant video material. The selected tape shows rural life in the Austrian Alps. It is hard to imagine a greater contrast to the world of real estate—and yet both narratives share the same origin.

Seen as a whole, the exhibition forms a closed circuit: the archival material is split into object and video. The shredded fragments associated with the business world acquire a rural, agrarian connotation through the addition of farming tools. The corresponding sensibility is carried by the VHS scenes, which in turn come from the same cache as the business files. Two rooms, two worlds meeting again in an underlying theme.    


Eine interessante kuratorische Entscheidung war der Verzicht auf beschreibenden Text. Die Besucher hatten nur die Arbeit selbst vor sich und waren gezwungen, sie entweder selbst, oder im Gespräch zu entschlüsseln. Das führte zu lebhaftem Dialog, unter anderem zwischen Leuten aus Kunstwelt und Immobilienbranche, über alle Formen von Vorurteilen hinweg. Die Schnipsel wurden im Einzelnen studiert, manche sogar mitgenommen. Auf einigen fanden sich aufgelistete, beachtliche Geldsummen, auf anderen Wortfetzen, die aus dem Kontext gerissen teilweise motivierende Zitate hätten sein können.

Viele fragten sich, ob der Vater die Arbeit gesehen, und was er zu ihr gesagt hatte. Er konnte nicht erscheinen. Damit fällt seine direkte Reaktion leider weg. Diese Leerstelle füllt jeder Besucher selbst und vollzieht ohne externe Beschreibung sein eigenes, individuelles Gutachten zur gleichnamigen Ausstellung. Auf der einen Seite steht als Symbol für ein gewaltiges, geschäftliches Lebenswerk lediglich ein riesiger Haufen vernichteter Akten. Auf der anderen Seite werden die Kassetten bewahrt. Dabei zeigen sie nur zwei Menschen, die nichts weiter tun, als ihr Leben zu leben. Die Arbeit vermittelt zwischen zwei Welten und stößt im Allgemeinen zu einer grundlegenden Frage an, die die menschliche Existenz selbst ausmacht: Wie lebt man sein Leben? Was zählt? Was bleibt? Vielleicht sind es am Ende die einfachen Momente, auf die es ankommt und in denen man wirklich am Leben ist.

Text von Jusuf Brkić    
A notable curatorial decision was to refrain from providing descriptive wall text. Visitors encountered only the work itself and were compelled to decode it either on their own or through conversation. This produced lively dialogue—among people from the art world and the real-estate sector alike—cutting across many forms of prejudice. Individual fragments were examined closely; some were even taken away. On certain pieces, considerable sums of money were listed; on others, word scraps torn from context which were read like motivational quotes.

Many wondered whether the father had seen the work and what he might have said about it. He could not attend, so his direct reaction is absent. Each visitor fills this gap themselves, producing their own individual “gutachten” (assessment) of the exhibition that shares its name. On one side, the symbol of a monumental professional life’s work is reduced to a vast pile of destroyed files. On the other, the tapes are preserved, yet they show only two people doing nothing more than living their lives. The work mediates between two worlds and ultimately points to a basic question at the core of human existence: How do you live your life? What counts? What remains? Perhaps, in the end, it is the simple moments that matter the ones in which you are truly alive.

Text by Jusuf Brkić